Open Source: Tesla verzichtet auf Patente

Das Elektro-Fahrzeug Unternehmen Tesla gibt sämtliche Patente frei. Im folgenden Artikel soll diskutiert werden, ob das Handeln des US-Unternehmens als uneigenützige Geste zu verstehen ist, oder vielleicht strategische Überlegungen hinter der weitreichenden Entscheidung stehen.

Tesla, ein utilitaristisches Unternehmen?

Elon Musk, seines Zeichens CEO des US-Automobilunternehmens Tesla, gab am 12. Juni 2014 auf dem hauseigenen Unternehmensblog bekannt, Tesla gebe die Rechtsansprüche an sämtlichen Patenten auf, welche das hochinnovative Unternehmen mit Sitz in Palo Alto über die gut zehn Jahre seit der Gründung 2003 registriert habe. Diese Nachricht hat weltweit ein beachtliches Medienecho ausgelöst. Dieses wird dadurch angeheizt, dass man sich von erfolgreichen Technologiekonzernen eher gegenläufige Nachrichten gewohnt ist: So liest man immer wieder, dass Marktleader aus der Technologieszene ihre Rechtsansprüche hinsichtlich der von ihnen getätigten Erfindungen vor Gericht bestätigt sehen wollen. Als besonders aggressiver Player sei hier beispielsweise Apple zu nennen: Das Consumer Electronics Unternehmen, ebenfalls mit Sitz im Silicon Valley, prozessierte bereits gegen Konkurrenten wie Motorola, Samsung, oder den Giganten Google.

Was bewegt also das Unternehmen Tesla zum bemerkenswerten Schritt, sämtliche Patente an Inventionen und bereits ausgereiften Innovationen frei zu geben und somit mit der Open Source Tradition zu gehen? Kann es sein, dass ein Unternehmen weniger die eigene Renditemaximierung verfolgt, als wie von Musk auf dem Tesla-Blog beschrieben darauf abzielt, den weltweiten Fortschritt im Bereich der elektronischen Individualmobilität zu fördern und in Folge dessen auf Einnahmen durch die Veräusserung von Lizenzen zu verzichten? Der folgende Artikel soll zeigen, dass die Entscheidung Musks vielleicht weit weniger selbstlos und uneigennützig einzuschätzen ist. Dabei soll andiskutiert werden, dass besonders in Technologiemärkten aufgrund von Netzwerkeffekten die Offenlegung von Patenten unter Umständen zur gewinnbringenden Wachstumsstrategie werden kann.

Patent oder Open Source?

Grundsätzlich stellt sich einem Unternehmen, das Innovationen tätigt immer die Frage, ob eine Erfindung patentiert werden soll, oder nicht. Bevor sich das Internet als globales Kommunikationsnetzwerk etabliert hatte, war die Antwort auf diese Frage denkbar einfach: Normalerweise wurden Inventionen von Unternehmen als Patent registriert. Somit konnte sichergestellt werden, dass eine Erfindung während der zwanzig jährigen Laufzeit eines Patents von der Erfinderpartei kommerziell verwertet werden kann, ohne dass Drittparteien ebenfalls das Recht zur Verwendung der patentierten Neuheit haben. So wird als Motiv für das heute geltende Patentrecht neben Investitions- und Investorenschutz in erster Linie die Förderung von Innovationen genannt: Denn, könnten Personen und Unternehmen, die Ressourcen in die Entwicklung einer Invention investieren nicht damit rechnen, dass sich ihre Aufwände durch die Vermarktung des entwickelten Produkts oder Prozesses auszahlen, bestünden keine Anreize überhaupt Anstrengungen in Richtung Innovation zu unternehmen. Wie bereits angekündigt, galt dieses Paradigma im besonderen Masse in der analogen Wirtschaftsrealität, die wesentlich weniger durch Netzeffekte wie Economies of Scope und Economies of Scale geprägt war, wie dies in der heute zu beobachtenden vernetzten digitalen Geschäftswirklichkeit der Fall ist.

Der Vorteil von Plattformen

Plattformen spielen in der digitalen Wirtschaft eine zentrale Rolle. Im 2010 veröffentlichten Buch „What Would Google Do?“ von Jeff Jarvis, das sich innerhalb weniger Jahre zum Standardwerk für digitalisierte Ökonomie gemausert hat, betont der Autor die Wichtigkeit für Unternehmen im heutigen Geschäftsumfeld, entweder einer Plattform anzugehören, oder selber eine zu sein. Damit zielt er auf die bereits vorab erwähnten positiven Netzeffekte ab, welche durch die digitale Kommunikation über das WWW wesentlich verstärkt werden: Der Wert eines Netzwerks für den einzelnen User steigt mit der Anzahl weiterer Teilnehmer. Ein illustres Beispiel hierfür gibt das Faxgerät ab: Besitzen Sie als einzige Person ein Faxgerät, wird Ihnen das wenig nützen – wenn jedoch zwei oder drei Personen im Besitz eines Faxgeräts sind, wird es nützlich, weil Sie die anderen Teilnehmer über das Distributionsgerät erreichen können. Wenn viele weitere Nutzer hinzukommen, steigt der Nutzen für den einzelnen User überproportional an, wodurch auch die Zahlungsbereitschaft für ein Faxgerät zunimmt. Die Hauptaufgabe von Unternehmen ist es somit, eine Plattform zu bilden, welche eine derart grosse Anzahl Nutzer vereint, dass die kritische Masse überschritten wird und Netzeffekte einsetzen.

Beispiele für derartige Netzeffekte auf Plattformen gibt es unzählige: Das iPhone als prominentes Beispiel wurde von Apple vorerst als vollständig geschlossenes Endgerät konzipiert, auf dem vorinstallierte Apps den Funktionsumfang des Telefons determinierten. Doch bereits bei der Veröffentlichung der zweiten Iteration des Endgeräts wurde die Chance erkannt, eine Plattform um das Telefon zu etablieren und der App-Store gelauncht. Der App-Store als Plattform verband nun die vorab getrennten Parteien Endnutzer und App-Entwickler und ermöglichte somit die Erweiterung des vorher festgelegten Funktionsumfangs des iPhones, wobei sich mit dem stetigen Anwachsen der Nutzerschaft auf zwei Marktseiten Netzeffekte einstellten: Durch die steigende Anzahl von Nutzern wurde der App-Store für Entwickler immer attraktiver und eine stetig wachsende Zahl Applikationen wurde von unabhängigen Programmierern veröffentlicht. Daneben wurde das iPhone als mobiles Endgerät für Nutzer immer attraktiver, weil sie zum Einen eine enorme Anzahl von Apps angeboten bekommen und zum Anderen der Vorteil besteht, dass bereits viele Personen im sozialen Umfeld ebenfalls ein iPhone besitzen. Dies ist besonders deshalb relevant, weil eine Vielzahl von Apps zu beginn nur für das iPhone erhältlich waren. Besonders Kommunikationsapplikationen ermöglichen es somit, mit anderen Personen in Kontakt zu treten, die ebenfalls ein iPhone besitzen – nicht jedoch mit Personen, die ein Gerät eines anderen Anbieters verwenden. Somit stieg der Nutzen des iPhones mit App-Store sowohl für den Endverbraucher, weil er ein grösseres Angebot zur Verfügung hat und sein Gerät optimal personalisieren kann. Andererseits profitieren die Entwickler, weil sie durch die gestiegene Anzahl Nutzer grössere Absatzchancen im App-Store sehen und somit die Investition in eine Applikation eher rentiert.

Tesla als Plattform?

Doch wie kann der Bogen über den Exkurs zum Phänomen der Netzeffekte zurück zur kürzlich bekannt gewordenen Freigabe sämtlicher Patente der Firma Tesla geschlagen werden? Vieles spricht dafür, dass es Musk und Co. bei der Freigabe der Patente nicht darum ging der Welt ein uneigennütziges Geschenk zu machen, sondern Tesla ebenfalls als Plattform etabliert werden soll. Gut denkbar wäre, dass die Strategie der Firma Tesla darauf abzielt, die bereits entwickelten Technologien zu Standards in der elektronischen Automobilindustrie zu machen. Insbesondere weil die grossen konventionellen Automobilhersteller bisher wenig Anstrengung unternommen haben, selber Patente für elektrisch betriebene Fahrzeuge einzureichen, tut sich der Verdacht auf, dass Tesla seine Patente deshalb frei gibt, weil sich das Unternehmen erhofft, dass andere Anbieter besonders Technologien im Bereich der Energiespeicherung und -beladung übernehmen. Dies wäre für das US-Unternehmen deshalb interessant, da sich somit die Chance auftäte, sich mit Hilfe des bislang erarbeiteten Know-hows als Anbieter eines flächendeckenden Ladesystems für Elektro-Fahrzeuge zu etablieren. Dies würde selbstverständlich dann einfacher gelingen, wenn die nach Teslas Standard betriebenen Akkuladestationen auch Fahrzeuge von Drittanbietern mit Energie versorgen könnten.
Könnte sich Teslas Technologie zu einem Standard im Bereich der elektrischen Individualmobilität entwickeln, wäre dies durchwegs positiv für das Automobil-Unternehmen. Denn ein universeller Standard, der von allen Autoherstellern für den Bau von Akkumulatoren und besonders deren Ladung verwendet wird, würde nicht nur dazu führen, dass der Bau eines flächendeckenden Ladesystems als wirtschaftlich rentabel erachtet und somit tatsächlich umgesetzt würde, sondern auch den individuellen Nutzen eines Automobils der Marke Tesla für den Konsumenten steigern. Denn, bisher sind Ladestationen für die elektrisch betriebenen Flitzer rar gesät, was eines der Hauptargumente gegen den Kauf eines E-Autos darstellt.
Ein zweiter Grund, weshalb elektrisch betriebene Automobile bis jetzt nur einen marginalen Marktanteil am gesamten PKW-Markt ausmachen, ist in den, vor allem im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen, hohen Anschaffungspreisen für Konsumenten zu sehen. Doch auch hier könnte die Freigabe der Patente der Firma Tesla zu Gute kommen. Da die Technologien jetzt frei zugänglich sind, ist es denkbar, dass andere Anbieter in die Weiterentwicklung der zentralen Komponenten von E-Autos investieren, wodurch diese in Zukunft günstiger und effizienter produziert werden könnten, wodurch in letzter Konsequenz natürlich auch wieder die Firma Tesla profitieren würde.

Weiterführende Informationen

» Hier finden Sie die Infografik zum Download: Infografik Open Source

» Weiterführende Informationen zum Patentrecht/Open Source

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